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Städtisches Marie-Therese-Gymnasium Erlangen

Menschlich Modern - Traditionell - Global

Icon SZ kleinST - Unsere Schulleiterin Reane Strübing ist nach 16 Jahren an der Spitze des Marie-Therese-Gymnasiums seit diesem Montag offiziell in ihrem wohlverdienten Ruhestand. Wir von der Schülerzeitung hatten eigentlich geplant, über ihr rauschendes Abschiedsfest zu berichten – und Frau Strübing mit einem Schnappschuss wild tanzend auf dem Parkett abzulichten. Daraus konnte bekanntlich nichts werden.

Deshalb haben wir unsere Direktorin in ihrer letzten Woche als Chefin um ein Interview gebeten. Frau Strübing hat sich viel Zeit genommen für diesen Kiwi-Talk, in dem es unter anderem um Gott, wahre Freundschaft, den Wert der Familie, Höhen und Tiefen in der Schulleitung sowie peinliche Momente geht.

Elena Scheer und Leonhard Lüdke: Guten Tag Frau Strübing, herzlich willkommen in unserem Kiwi-Talk. Wir möchten gleich loslegen. Ist das in Ordnung für Sie?

Frau Strübing: Natürlich, gerne!

Elena: Sie sind seit dem Februar 2005 am Marie-Therese-Gymnasium. Haben Sie direkt als Schulleiterin begonnen?

Frau Strübing: Ja, am MTG schon. Zuvor war ich in der Schulleitung einer anderen Schule.

Elena: Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an diese Zeit?

Frau Strübing: Ich war von Beginn an überwältigt vom Engagement der Schülerinnen und Schüler. Es ist schwierig, ein Highlight herauszugreifen, weil es so viele waren und sind. Ich kann nur Beispiele nennen: Das Theater, der Zirkus, das Orchester, das Sommerfest – und überall bringen sich die Schülerinnen und Schüler mit vollem Einsatz ein. Das ist das Profil des MTG: Es ist eine Schule, in der die Schülerinnen und Schüler gerne mitmachen. Diese Art des Engagements berührt mich.

Elena: Weshalb wollten Sie Schulleiterin werden?

Frau Strübing: Ursprünglich wollte ich das gar nicht, Elena. Ich habe meinen Traumberuf gewählt, nämlich Lehrerin. Das Unterrichten hat mir immer Freude bereitet, zum Glück haben die Schülerinnen und Schüler mir das auch gespiegelt. Über die Jahre sind Kolleginnen und Kollegen dann immer wieder auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich Fortbildungen anbieten könne. Das habe ich gemacht. Unter anderem auf diesen Fortbildungen wurde ich darauf angesprochen, ob ich es mir vorstellen könne, Schulleiterin zu werden. Das hatte ich vorher gar nicht auf dem Schirm.

Elena: Und dann wollten Sie doch?

Frau Strübing: An meinem damaligen Chef habe ich gemerkt: Als Schulleiter kann man viel bewirken und gestalten – und zwar auf mehr Ebenen als ein Lehrer. Andererseits ist man leider auch geknebelt durch enge Budgets und Vorgaben des Kultusministeriums.

Elena: Welche Fächer haben Sie als Lehrerin unterrichtet?

Frau Strübing: Deutsch und Evangelische Religion waren meine Fächer. Religion habe ich ganz bewusst gewählt damals, weil ich wusste, dass ich mit Religion einen ganz anderen Zugang zu jungen Menschen bekommen würde.

Elena: Und weshalb Deutsch?

Frau Strübing: Am liebsten hätte ich eigentlich Religion und Geschichte gewählt, aber diese Kombination war leider nicht möglich. Deutsch war etwas, das ich immer gut konnte. Und ich hatte und habe große Freude daran, die Schönheit der Literatur zu vermitteln!

Elena: Waren Deutsch und Religion auch ihre Lieblingsfächer als Schülerin?

Frau Strübing: Nein, das hat gewechselt. Mal war es Sport, mal waren es die Sprachen. Ich mochte immer die Fächer am liebsten, in denen ich gute Lehrkräfte hatte.

Elena: Bei mir ist es ganz ähnlich. Viele Mitschüler halten mich für verrückt, weil ich Schule mag! Ich hatte in der zweiten Klasse eine tolle Lehrerin, die ich wahnsinnig gemocht habe. Ich glaube, dass ich Schule deshalb so mag.

Frau Strübing: Vielleicht wirst du ja einmal Lehrerin!

Elena: Ich überlege mir das manchmal tatsächlich.

Frau Strübing: Als Lehrerin brauchst du eigentlich nur zwei Dinge: Du musst Menschen lieben und dein Fach lieben.

Elena: Von den Menschen liebe ich nicht alle. Aber ich liebe es, Menschen zu helfen.

Frau Strübing: Dann hast du doch beste Voraussetzungen!

Leonhard: Was würden Sie einem Schüler sagen, der mit einer Lehrerin oder einem Lehrer nicht gut zurechtkommt?

Frau Strübing: Es gibt ganz unterschiedliche Typen von Lehrkräften, die die Schülerinnen und Schüler auf verschiedene Weise ansprechen. Ich würde dem Schüler sagen: Vertraue auf deine Schulleitung, die in der Unterrichtsverteilung – so nennt man die Zuordnung von Lehrern zu Klassen – versucht, diese Unterschiede zu berücksichtigen

Elena: Haben Sie in Ihrer Zeit als Schulleiterin mal mit Widerstand von Schülerinnen und Schülern oder Lehrkräften zu kämpfen gehabt?

Frau Strübing: Es gab in meiner Anfangszeit eine Gruppe von Lehrkräften, die meinen Ideen gegenüber verschlossen war und die auch Einfluss auf Schüler genommen hat. Noch bevor ich überhaupt offiziell als Chefin angetreten war, kam ein Schüler auf dem Gang zu mir und hat gesagt: „Ich habe gehört, Sie wollen die MTG-Party abschaffen! Stimmt das?“ Ich habe damals nicht einmal gewusst, was die MTG-Party war. Mir eilte also ein Ruf voraus, der so nicht stimmte. Das habe ich als ungerecht empfunden. Nach einer schwierigen Anfangszeit haben wir uns dann alle ganz gut zusammengerauft. Die wenigen Lehrkräfte, die nicht veränderungsbereit waren, sind auch irgendwann mitgezogen. Die letzten zehn Jahre sind dann richtig schön gelaufen!

Leonhard: Wie geht es Ihnen damit, dass Ihr Abschied verschoben werden muss?

Frau Strübing: Das ist wirklich überhaupt nicht schlimm, so bin ich eben still vergnügt. Mir sind solche Abschiede, dass wir beispielsweise dieses Interview führen oder der ein oder andere Kollege in mein Büro kommt und sich verabschiedet, sehr viel mehr Wert. Ich bin nicht diejenige, die mit einem Wumms verabschiedet werden muss. Wobei ich zugeben muss, dass ein Zirkus- oder Theaterauftritt toll gewesen wäre, das ist einfach genau meins. Da gehe ich voll mit! Aber wer weiß, vielleicht kann es ja noch ein Fest im Sommer geben, eventuell in Kombination mit dem Einstand von Herrn Kolb. Insgesamt fühlt es sich stimmig an, still zu gehen, weil die Umstände derzeit halt so sind. Frau Gröger, meine Stellvertreterin, geht ja auch in den Ruhestand – nach 30 Jahren am MTG.

Elena: War Frau Gröger schon immer Ihre Stellvertreterin?

Frau Strübing: Nein, seit 2003 ist sie Mitarbeiterin im Direktorat, seit 2011 meine Stellvertreterin. Es war eine schöne Zusammenarbeit!

Leonhard: Wie gehen Sie beruflich und persönlich mit der Pandemie um?

Frau Strübing: Sehr streng. Ich halte mich an alle Regeln, weil ich mir große Sorgen angesichts der Mutation des Virus mache. Ich kann nur jeden bitten: Seid vorsichtig, bis alle geimpft sind! Danach wird Covid-19 hoffentlich wie eine Grippe sein. Was wir brauchen, ist Geduld.

Leonhard: Haben Sie Angst davor, dass es nun einsam um Sie wird?

Frau Strübing: (lacht) Nein. Ich weiß mich sehr gut zu beschäftigen – und ich habe eine stabile Großfamilie. Wir sind traurig, dass wir uns nicht alle gleichzeitig sehen können. Aber mein Mann und ich sind uns gut genug. Für euch junge Menschen ist das anders. Raus zu gehen und Freunde zu treffen ist so wichtig! Das ist einfach schlimm und tut mir sehr leid für euch.

Elena: Naja, ich finde es gar nicht so schlimm. Immerhin treffe ich mich zweimal in der Woche im Park mit meiner besten Freundin. Das ist nicht so viel wie sonst, aber immerhin.

Frau Strübing: Das ist doch schön! Wir können nur hoffen, dass bald wieder mehr möglich sein wird.

Leonhard: Wie dürfen wir uns Ihren Alltag im Ruhestand vorstellen?

Frau Strübing: In der ersten Woche werde ich mich so richtig selbst leben, werde mich treiben lassen wie schon lange nicht mehr – und bloß keinen Wecker stellen. Dann werde ich aber wieder einen Rhythmus finden, Chinesisch im Selbststudium lernen, in Fürth ehrenamtlich mit Grundschülern arbeiten. Dort will ich Kindern den Einstieg in die Schule erleichtern, die von zu Hause nicht so viel Unterstützung bekommen. Das war mir schon immer ein Anliegen. Darüber hinaus will ich eine Grammatik schreiben – und mal ganz anders an die Frage herangehen, wie man Grammatik verständlich machen kann. Außerdem liebe ich Nähen, ich habe bereits einen Parka herausgesucht, den ich nähen werde. Dabei höre ich Hörbücher, das hat für mich etwas Beruhigendes.

Elena: Nähen Sie mit den Händen?

Frau Strübing: Nein. Ich habe mir den Porsche unter den Nähmaschinen gekauft! Aber auch mit so einer Maschine muss man gut aufpassen.

Leonhard: Haben Sie Kinder? Und wenn ja, welche Berufe haben sie?

Frau Strübing: Ja, ich habe zwei Söhne, mit denen ich großes Glück habe. Der eine ist Neuropathologe, der andere Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Aber auch meine zwei Schwiegertöchter sind für mich wahre Töchter. Eine der beiden ist Unternehmensberaterin im pharmazeutischen Bereich, die andere ist in der Ausbildung zur Polizistin. Seitdem ziehe ich den Hut vor Polizistinnen und Polizisten – die haben eine verdammt harte Ausbildung zu absolvieren. Mein einziges Enkelkind, welches aus der „medizinischen Familie“ kommt, ist acht Monate alt und unfassbar süß. Ich liebe ihn!

Elena: Was ist der größte Erfolg Ihres Lebens, nicht nur schulisch?

Frau Strübing: Elena, da berührst du jetzt einen ganz tiefen Punkt in mir, etwas sehr Privates. Ich habe die Anschauung, dass nicht ich meine Erfolge herbeiführe. Das was gelungen ist oder andere Menschen vielleicht als Erfolg ansehen, das verdanke ich in erster Linie meinem Herrgott, der mir Menschen an die Seite gestellt hat, die mir geholfen, die mich ermutigt haben, diesen Weg weiterzugehen. Angefangen vom Vater bis zum Sohn und Ehemann. Auch beruflich gab es immer Lehrer und Mentoren, die gesagt haben: Machen Sie doch! Einer dieser Menschen war mein Chef am Gymnasium in Nürnberg.

Elena: Denken Sie also, dass Sie nicht allein sind?

Frau Strübing: Ja, ich glaube, dass der Herrgott mir diese Menschen geschickt hat. Dafür bin ich am dankbarsten. Gotthold Ephraim Lessing ist mein Lieblingsdichter. Er hat ein berühmtes Stück geschrieben, Nathan der Weise. In diesem sagt der Protagonist: Der Zufall der Geburt stellt dich irgendwohin. Und genau das ist es! Der Zufall kann dich in glückliche Umstände setzen. Nicht du entscheidest, sondern der Zufall. Eine gewisse Freiheit, einen Spielraum zur Entscheidung gibt es innerhalb dieser Umstände schon, aber auch wenn du diesen nutzt, ist dies immer noch ein Geschenk.

Leonhard: Welche Chancen haben Menschen aus ärmeren Schichten?

Frau Strübing: Die Gesellschaft muss diese Menschen unbedingt mitnehmen. Ich beobachte mit großer Sorge, wie die Gesellschaft sich spaltet. Der Reichtum muss unbedingt besser verteilt werden, nicht unbedingt nur der pekuniäre Reichtum, aber vor allem der geistige.

Leonhard: Im Lockdown wird die gesellschaftliche Spaltung noch deutlicher!

Frau Strübing: Ja, leider. Reiche Familien können sich Nachhilfe leisten, arme Familien nicht! Unwesen, habe ich das immer genannt. Kinder müssen in die Lage versetzt werden, dem Unterricht auch ohne Nachhilfe zu folgen. Unser Bildungssystem ist nicht gerecht. In diesem Bereich konnte ich wenig bewirken, leider.

Elena: Da Sie nun mehr Zeit für Freunde haben werden: Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Frau Strübing: Ich habe viele Bekannte, aber wenig Freunde. Mit Bekannten kann man sich positiv austauschen, Anregungen erhalten, gemeinsam schön Abendessen. Aber Freunde gehen viel tiefer.

Elena: Das sagt meine Mutter auch immer. Sie hat viele Bekannte, aber wenige echte Freunde, auf die sie sich verlassen kann.

Leonhard: Wie würden Sie echte Freundschaft definieren?

Frau Strübing: Bedingungsloses Vertrauen ist die Grundlage. Freunden kann man die intimsten Dinge anvertrauen, diese schließen Freunde tief in ihrem Herzen ein. Freunde können einem auch, wenn man sich falsch verhalten hat, Verzeihung zusprechen, sie können Sorge und Last mittragen. Bei einem Freund darf man Dinge auch mal abladen. Eine so große Offenheit hat man nicht zu vielen Menschen. So wie man selbst vielschichtig ist, so hat man auch vielschichtige Freunde.

Leonhard: Wofür in Ihrem Leben sind Sie am dankbarsten?

Dass ich meine Berufung zum Beruf machen durfte, das ist nicht selbstverständlich. Das zweite ist einfach meine Familie. Um das gute Verhältnis zu ihr bin ich einfach wahnsinnig dankbar und empfinde dies als Geschenk.

Elena: Definieren Sie bitte Berufung!

Frau Strübing: Da sind wir ja noch einmal mitten im Religionsunterricht – und wieder ganz schön intim. Ihr stellt ja wirklich tiefe Fragen, ihr zieht mich ganz schön aus, puh (lacht). Ich glaube, dass Gott deinen Namen schon kennt, bevor du geboren bist. Das ist ein Psalm aus dem Alten Testament. Berufung ist für mich, wenn ich merke, ich habe Eigenschaften und Gedanken und Befähigungen, die mich für einen bestimmten Punkt in der Gesellschaft prädestinieren, an dem ich wirken kann. So wie du gerne hilfst, Elena, habe ich schon als Schülerin kostenlos Nachhilfe für arme Kinder gegeben. Ein Lehrer hatte mich angesprochen und gefragt, ob ich das machen könne. Da habe ich gemerkt, dass ich eventuell etwas habe, das ich zum Beruf machen könnte.

Leonhard: Wenn Sie morgen mit irgendeiner neuen Eigenschaft oder Fähigkeit aufwachen könnten, welche wäre es?

Frau Strübing: Du wirst jetzt lachen, Leo. Ich würde gerne einen fränkischen oder – noch besser – einen niederbayerischen Dialekt beherrschen. Ich habe gemerkt, wenn ein niederbayerischer Chef ein ernsthaftes Wort sagt, dann klingt das immer noch nett. Aber wenn jemand mit einem norddeutschen Dialekt, so wie meinem, ein ernstes Wort sagt, dann klingt es nie nett (lacht).

Elena: Jetzt kommt der Moment, auf den alle gewartet haben: Erzählen Sie uns vom peinlichsten Moment in Ihrer Zeit am MTG!

Frau Strübing: (lacht) Es gab schwierige Momente, an ein singuläres Ereignis im Sinne deiner Frage kann ich mich allerdings nicht erinnern. Aber es gibt etwas, das mir immer wieder peinlich ist. Wenn ich in Erlangen unterwegs bin, mit einer Freundin ins Kino gehe oder einen Kaffee trinke und es grüßen mich Menschen, dann weiß ich manchmal nicht: Sind das Schüler? Oder Stadträte? Oder Verwaltungsmitarbeiter? Oder Eltern? Ich lächle dann meist etwas unbeholfen, weil ich mich nicht echt dabei fühle. Das war und ist mir immer sehr peinlich (lacht).

Elena und Leonhard: Frau Strübing, wir danken Ihnen für das Gespräch.