SMV/Wöl - Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Es war der erste Schnee dieses Jahr, der Erlangen über Nacht in eine weiße Winterlandschaft verwandelt hatte.

Es waren nur noch einige hundert Meter bis zu ihrer neuen Schule. Erst vor einer Woche war Leila wegen der neuen Arbeitsstelle ihrer Mutter hierher gezogen. Und heute war ihr zweiter Tag an der neuen Schule. Als sie am Eingang angekommen war blieb sie stehen und betrachtete den Schriftzug über der alten, maßiven Tür: „Marie-Therese-Schule“. Sie atmete nochmal tief durch und öffnete die Tür. Sofort stieg ihr der Geruch von frischen Tannenzweigen in die Nase und sie ging die Stufen in den Eingangsbereich hinauf. Das ganze Schulhaus war weihnachtlich dekoriert, überall waren Tannenzweige, gebastelte Sterne und weihnachtliche Bilder aufgehängt. An die Fenster hatten die jüngeren Schüler Tannenbäume, Kerzen, Sterne und viele andere Motive gemalt, die das Gebäude in eine weihnachtliche Atmosphäre tauchten. An ihrer alten Schule hatte es sowas nie gegeben und dabei war die Adventszeit Leilas absolute Lieblingszeit im Jahr.

Leila kramte ihren Stundenplan aus der Tasche und sah nach, zu welchem Raum sie musste. 223 stand auf dem Zettel. „Mist, wo war das nochmal?“, fluchte sie leise vor sich hin. Plötzlich kam ein Junge auf sie zu: „Hey, kann man dir helfen?“ „Äh, ja ich muss zum Zimmer 223, aber ich weiß nicht mehr genau wo das war.“,antwortete Leila schüchtern. „Okay kein Problem, komm einfach mit, ich zeig`s dir.“ Mit schnellen Schritten ging er die Treppe im Altbau hoch, Leila folgte ihm. Als sie im 1. Stock waren, erkannte sie das Sekretariat wieder, dort war sie gestern schon mal gewesen. An der Wand darüber hing eine Schnur, an der 24 nummerierte Plakate befestigt waren, auf denen je eine Klasse und ein weihnachtliches Motiv zu sehen waren. „Was ist das?“, fragte sie den Jungen. Während sie in den 2. Stock liefen erklärte er ihr, dass das ein Adventskalender sei, den die SMV organisiert hatte und jeden Tag eine andere Klasse eine Kleinigkeit bekomme. „Okay, ich hab da vorne, du musst einfach nur den Gang hier runterlaufen und dann ist es das hintere Klassenzimmer auf der rechten Seite.“ „Vielen Dank, schönen Tag dir noch“ „Kein Ding!“ Dankbar lief Leila den Gang runter. Als sie sich ihrem Klassenzimmer näherte, hörte sie immer lauter werdende Musik. Gespannt öffnete sie die Tür: aus einer kleinen Box schallten Weihnachtslieder, in der Ecke stand ein kleiner geschmückter Weihnachtsbaum, auf dem Pult brannten drei Kerzen des Adventskranzes und an der hinteren Seite war ein Buffet mit Plätzchen, Lebkuchen und anderen Leckereien aufgebaut, davor saß eine kleine Schülergruppe, die sich angeregt unterhielt. Vorsichtig betrat sie den Raum. „Oh hallo Leila, schön, dass du da bist, komm rein!“, rief ihr ein Mädchen freudig entgegen. „Hi, Mia“, erwiderte sie die Begrüßung. Ehe Leila sich versah, kam Mia ihr entgegen, nahm sie am Arm und sprudelte darauf los: „Komm mit, leg deine Jacke und deine Tasche einfach hier ab. Du wunderst dich bestimmt schon, was hier los ist, also wir machen hier jedes Jahr eine Klassenadventsfeier, bei der jeder was zu Essen mitbringt und wir einfach gemütlich zusammensitzen, Spiele spielen, uns unterhalten, Weihnachtslieder singen und so weiter. Schau, hier auf dem Tisch sind Plätzchen und Lebkuchen, da kommen aber später noch ganz viele andere, leckere Sachen dazu und da drüben gibt`s Punsch und Tee. Und hier unter den Weihnachtsbaum legen wir später unsere Wichtelgeschenke.“ „Wow, das klingt echt cool, da bin ich mal gespannt. Aber ich hab gar nichts dabei was ich beisteuern könnte.“ „Ach das macht doch nichts, wir haben doch auch so genug für alle. Komm mit zu den anderen!“

Etwas zurückhaltend ging sie mit Mia zu der Gruppe. Gerade als die beiden Mädchen sich einen Stuhl herangezogen hatten und es sich bequem machten, hörte man auf dem Gang ein lautes Poltern, direkt gefolgt von einem Ruf: „Hey! Kann mir mal jemand helfen?“ Sofort liefen alle Schüler aus dem Klassenzimmer, um nachzusehen was passiert war. Auf dem Gang stand ihr Mitschüler Ben, dem offensichtlich ein Karton mit Lichterketten runtergefallen war. Da Mia und Leila die Schnellsten waren, halfen sie ihm die Lichterketten zu entwirren, wieder in den Karton zu packen und diesen schließlich ins Klassenzimmer zu tragen. „Ich hab gedacht unser Zimmer könnte noch eine weihnachtliche Beleuchtung vertragen!“, kommentierte Ben seinen Auftritt. Sogleich machten sich die Schüler daran, mit den Lichterketten das Weihnachtsklassenzimmer zu vollenden. Währenddessen trudelte auch der Rest der Klasse ein und das Buffet füllte sich mit zahlreichen Keksvariationen, Blätterteigfiguren, Pizzaschnecken und vielem mehr.

Pünktlich um 8.45 Uhr war alles fertig. Ben hatte gerade den Stecker für die Beleuchtung in die Steckdose gesteckt, als die Lichter zu flackern begannen. Dann war plötzlich alles dunkel. Zunächst war alles still, doch dann fingen nach und nach alle an zu lachen: „ Wieso kommt mir das so vor als wäre Weihnachtsbasar?“, rief eine Stimme in die Dunkelheit „Hmm keine Ahnung!“, lachte eine andere. „Weihnachtsbasar? Was ist das denn? Und wie kommt ihr jetzt dadrauf?“, fragte Leila. „Ach so sorry, du kannst das ja gar nicht wissen. Also das MTG veranstaltet jedes Jahr in der Adventszeit den Weihnachtsbasar, bei dem jede Klasse einen Stand organisiert und da Essen oder Deko verkauft oder man Spiele spielen kann. Und jedes Jahr fällt der Strom aus, weil zu viele Waffeleisen, Lichterketten und Crêpemaker angeschlossen werden.“, erzählte Mia. „In einem Jahr war das besonders lustig: da ist die Hauptsicherung rausgeflogen und alles war stockdunkel. Aber die Frau Altmann und der Herr Jung konnten den Schlüssel für den Raum mit dem Sicherungskasten nicht finden, deswegen sind sie kurzerhand durchs Fenster geklettert, um die Sicherung wieder einzuschalten.“ ergänzte eine Klassenkameradin. „Ah, ich verstehe“, lachte Leila. „Oh, oder wisst ihr noch das Jahr mit dem Sturm?“,brachte nun Ben ein, „Als Herr Paproth ein Zelt aufbauen wollte, weil er befürchtet hatte, dass es regnen könnte?“ „Stimmt, ich erinnere mich. Während er mit ein paar Schülern das Zelt aufbaute, fing es plötzlich fürchterlich an zu stürmen.“, übernahm der Klassensprecher Tim die Erzählung. „Der Wind hat die Metallstangen von dem Zelt dann so verformt, dass es schließlich komplett zusammen gekracht ist und total hinüber war.“, beendete Mia die Geschichte.

Nachdem das Licht ein paar Minuten später wieder funktionierte, begann die eigentliche Feier; jeder suchte sich einen Sitzplatz und nahm sich etwas zu Essen und zu Trinken. Es herrschte eine sehr ausgelassene und fröhliche Stimmung. Leila schob sich gerade einen Zimtstern in den Mund, als es laut an der Tür klopfte. „Heeeeereeeein!“, rief die Klasse im Chor. Die Tür öffnete sich und drei verkleidete Schüler betraten den Raum. Ein Nikolaus, ein Engel und ein Rentier. „Wer if daf?“ flüsterte Leila mit vollem Mund. „Unsere Schülersprecher“, antwortete Mia leise. „Wie ihr ja alle wisst, ist bald Weihnachten“, begann das Rentier, „und deswegen haben wir uns eine Kleinigkeit für euch überlegt.“, übernahm der Engel. „Genau, und zwar haben wir eine kleine Überraschung für euch dabei, die müsst ihr euch aber erst verdienen, indem ihr ein Weihnachtslied singt oder ein Adventsgedicht aufsagt.“, schloss der Nikolaus. Nach kurzem Zögern stimmte jemand an: „Last Chrismas“, sofort stiegen alle anderen ein: „I gave you my heart, but the very next day you gave it away…“ Nachdem der Gesang nach und nach verebbt war, weil niemand mehr wirklich den Text konnte, applaudierten die Schülersprecher lachend und verteilten Minischokonikoläuse an alle. Dann verabschiedeten sie sich und zogen weiter zur nächsten Klasse. Die Schüler widmeten sich wieder ihren Gesprächen und verputzen die Reste vom Buffet.

Als der Pausengong ertönte, liefen die Schüler auf den schneebedeckten Schulhof. Auf dem roten Platz stand ein Schneemann, der von ein paar Schnee-Engeln umgeben war.

Mia nahm ein bisschen Schnee in die Hände und formte einen Ball, diesen warf sie in Richtung ihrer Klassenkameraden. „Ey, das kriegst du zurück!“, rief Tim, den sie leicht an der Seite getroffen hatte. Jetzt bückte auch er sich, hob etwas Schnee auf und warf Mia damit ab. Daraufhin schlossen sich immer mehr an und es dauerte nicht lange bis eine reelle Schneeballschlacht im Gange war. Nach einiger Zeit kam eine Lehrerin mit schnellen, bestimmten Schritten auf die Schülergruppe zu. „Achtung, Leute! Frau Dotter kommt!“, zischte einer der Jungs. „Sagt mal was fällt euch eigentlich ein? Ihr wisst ganz genau, dass das Werfen von Schneebällen auf dem Schulgelände verboten ist! Und das nicht ohne Grund. Ihr hört jetzt sofort auf damit oder das wird Konsequenzen haben!“ „Entschuldigung, kommt nicht wieder vor.“, entgegnete Tim stellvertretend. Mit einem „Das will ich wohl auch hoffen.“, ging Frau Dotter in Richtung Turnhalle und die Schüler liefen lachend zurück in ihren Klassenraum.

Dort spielten sie noch einige Gemeinschaftsspiele wie Mr. X, Klassenmemory, Busfahren und viele weitere, bevor sie zum Highlight der Adventsfeier kamen: dem Verteilen der Wichtelgeschenke. Jeder Schüler legte sein Geschenk unter den Baum. Als alles vorbereitet war gingen alle nacheinander nach vorne, nahmen sich das Päckchen mit ihrem Namen und packten es aus. Zum Schluss hatte nur Leila kein Geschenk bekommen. „Nanu, da liegt ja noch ein kleines Päckchen unterm Weihnachtsbaum, für wen das wohl ist.“, sagte Tim geheimnisvoll. Er hob das Geschenk hoch und drehte es so, dass Leila den Namen, der darauf stand, gut lesen konnte. „Nein das kann nicht sein, war das etwa?“, dachte Leila. Doch kein Zweifel, da stand tatsächlich in großen, deutlichen Buchstaben L E I L A auf dem Päckchen. Tim überreichte ihr das Geschenk und sie fragte überrascht: „Aber wie kann das sein? Ich hab doch gar kein Geschenk mitgebracht“ „Na da war halt ein fleißiger Weihnachtswichtel am Werk“, lächelte Tim. Gerührt zog Leila am Bändchen der Schleife und öffnete so das Päckchen. Vorsichtig nahm sie den Inhalt heraus: eine Tasse auf der der Weihnachtsmann mit seinem Rentier Rudolph abgebildet war und eine passende Backmischung für einen Schokoladentassenkuchen. „Oh wie schön! Danke“, freute sich das Mädchen.

Damit war die Adventsfeier beendet. Die Schüler halfen noch beim Aufräumen des Klassenzimmers zusammen und verabschiedeten sich dann voneinander. Leila packte ihre Tasse sorgfältig ein, zog ihre Jacke an und verließ den Raum. Sie lief die Treppe hinunter, am Sekretariat vorbei in den Eingangsbereich und schließlich durch die große Tür zur Schillerstraße. Als sie draußen war, drehte sie sich nochmal um und lächelte. Ja, sie freute sich schon auf die Zeit die sie am MTG verbringen würde, denn sie war sich sicher, dass es eine spannende, aufregende, aber vor allem schöne Zeit mit coolen Leuten werden würde.