Woche 1: 19.-25.03.2018

Nach nahezu 20 Stunden Reise – von heimischer Haustür über Nürnberg und Frankfurt am Main bis zu unserem chinesischen Quartier – begann endlich unser lang ersehntes Abenteuer im Reich der Mitte 中国, in Qingdao 青岛, einer Küstenstadt im Nordosten 东北 Chinas mit über neun Millionen Einwohnern.

In unserer ersten Woche 第一个星期 hatten wir bereits viele Möglichkeiten, Land und Leute kennen zu lernen. Erste Heißhungerattacken konnten mit einer kleinen, aber feinen Portion Baozi 包子(gefüllte Hefeteigtaschen) gestillt werden. Hierbei wurden die bisher nur in Deutschland 德国 geübten Chinesisch-Kenntnisse 汉语 schon auf die Probe gestellt. Verhalten, aber am Ende erfolgreich konnte jeder zu seinem Mittagsmahl kommen und satt werden. Auch bekamen wir die Gelegenheit, chinesische Deutsch-Studenten kennenzulernen, uns mit ihnen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Dabei erwies sich die Nachrichten-App WeChat (WhatsApp/Snapchat-Ersatz, da ausländische Apps in China z.T. gesperrt sind) als ungeheuer praktisch, um nicht nur die Kommunikation untereinander, sondern auch mit unseren neuen chinesischen Freunden中国 朋友zu ermöglichen.

 Chin 2018 Reise Boazi

Dennoch hieß es an jedem Tag von 8:30-12:20 Uhr 八点半到十二点二十分 aufzupassen und den netten sowie humorvollen chinesischen Lehrern zuzuhören. „Ni shī laoshi ma?“ 你是老师吗?(Bist du ein Lehrer?), ein Satz der am ersten Schultag bereits ein wenig zu oft geübt wurde, bleibt wohl jedem von uns nachhaltig im Gedächtnis. Neben den obligatorischen Höflichkeitsfloskeln „Xiexie“ 谢谢 (Danke), „Bu keqi“ 不客气 (Kein Problem) und „Dui bu qi“ (Entschuldigung) gaben die Lehrer ein hohes Tempo im Unterricht vor, was uns allerdings keine allzu großen Schwierigkeiten bereitete.

Am dritten Tag 第三天 folgte dann der erste Ausflug in die Stadt. Mit sage und schreibe einem Yuan 一元 (umgerechnet nur ca. 15 Euro-Cent!) fuhren wir mit dem Bus 公共汽车in die Altstadt, die uns mit ihrer deutschen bzw. europäischen Architektur beeindruckte und uns auch ein Stück an unsere Heimat erinnerte. In einem der zehn besten Cafés咖啡 Qingdaos konnte sehr zum Erfreuen unserer Begleitlehrkraft Frau Ranke (Ranke laoshī) ein lecker-belebender Kaffee getrunken werden. Obwohl wir viel zu Fuß unterwegs waren, kam es uns doch gar nicht so viel und lang vor, so neu und zahlreich waren die Eindrücke, ehe wir den modernen Teil der Stadt erreichten. Riesige Wolkenkratzer, mehrspurige Straßen und ein hektischer Verkehr prägten das Stadtbild und die Atmosphäre. Abseits des Trubels gelangten wir in kleine, charmante Gassen, die uns mit ihrer Vielzahl chinesischer Spezialitäten und einiger Kuriositäten nun erst richtig zeigten, dass wir mitten in China sind. Nach dem ersten kleineren Kulturschock ging es zu einem entspannten Abendspaziergang an der Strandpromenade. Ein Tempel, den man über eine Seebrücke erreichen konnte, verschaffte der beleuchteten Skyline einen einmaligen Kontrast zwischen Tradition und Moderne.

Die erste Woche beendeten wir mit einer sehr sportlichen 运动 Aktivität: einer Wanderung auf den nahgelegenen Berg Laoshan 崂山 mit einer Höhe von 1.132 Metern. Unser Reiseleiter Wang laoshī 王老师führte uns durch die beeindruckende Landschaft hinauf auf den Gipfel, von dem wir eine malerische Aussicht auf das Meer genießen konnten. Auf die dreistündige Wanderung bergauf folgte ein relativ kurzer Abstieg und die entspannte Busfahrt zurück in die Universität, bei der die meisten vor Müdigkeit einnickten.

Alles in allem war unsere Woche dort ein spannender Mix aus Moderne und Tradition, Natur und Stadt sowie einigen kulinarischen Highlights, die Lust auf mehr machten.

 Chin 2018 Reise Strandl

Woche 2: 26.03.-01.04.2018

Die zweite Woche knapp 8500 km vom heimischen Erlangen entfernt startete mit einem gemeinsamen Kochabend etwas außerhalb der Stadt. Mit Unterstützung des Profikochs Màke formten wir unter anderem traditionelle chinesische Jiaozi 饺子 (mit Hackfleisch gefüllte Maultaschen). Es wurde groß aufgetischt und am Ende wurde jeder mehr als satt.

Jeden Morgen machten wir uns, wie nun mittlerweile zum Alltag geworden, von unseren Zimmern im ersten Stock auf in das Klassenzimmer im fünften Stock, um unser Chinesisch sowohl im schriftlichen als auch mündlichen Bereich zu verbessern. Der Fokus lag aber eher auf dem Mündlichen; es wurde viel geübt, geredet und gelacht. Am Mittwochnachmittag folgte dann Kung Fu. Ja richtig, Kung Fu. Der besonnene Shifu (Meister) und seine beiden Assistentinnen gaben uns einen kleinen Einblick in die spannende Welt der traditionellen Kampfkunst. Neben ein paar durchaus spektakulären Übungen sorgte etwas Qigong am Ende des Trainings für angenehme Entspannung.

 Chin 2018 Reise KungFu

Gleich am nächsten Tag folgte dann ein Ausflug in den nahegelegenen modernen „Sino-German Ecopark“. Dieser riesige Gewerbepark soll in erster Linie die deutsch-chinesische, aber auch die internationale Zusammenarbeit im Bereich der nachhaltigen Umwelttechnik sowie der erneuerbaren Energien fördern. Bei einem Rundgang konnten wir uns ein Bild von dem modernen Gelände in natürlicher Umgebung machen. Danach ging es weiter zur No.9 Middle School 中学 , die uns herzlich mit einer kleinen Vorstellungsrunde sowie diversen Gruppenspielen begrüßte. Das anschließende Fußballspiel 踢足球 gegen die dortige Schulmannschaft verloren wir zwar leider, aber neue Freunde wurden dennoch gefunden.

Den darauffolgenden Samstag verbrachten wir vormittags in einer Textilfabrik. Dies war ein spannender und unzensierter Einblick in die Realität der harten Arbeit chinesischer Näherinnen. „Made in China“ haben wir live erlebt und bei so manchem von uns ist ein wirklich bleibender Nachgeschmack und ein neues, kritischeres Bewusstsein für den Wert von Kleidung entstanden.

Am letzten Tag der zweiten Woche folgte ein erneuter Schulbesuch, diesmal einer Grundschule. Hier hatten die Schülerinnen und Schüler ein kleines Schattentheaterstück für uns vorbereitet, das sie uns vorführten. Neben kleinen Basteleien und Geschenken war dies eine gute Möglichkeit, in Gesprächen mit der Schulleitung Genaueres über das chinesische Schulsystem zu erfahren. In China 在中国steht der pädagogischen Schulleitung ein Parteisekretär gegenüber und auch zur Seite. Beide können nicht ohne den jeweils anderen Teil agieren. Aus unserer europäischen Sicht ist diese Koppelung von Staat und Partei bzw. Ideologie in jeder Hinsicht problematisch, erst Recht in Bezug auf die Bildung der Kinder. Hier sollte ein möglichst neutrales Werte- und Kulturverständnis nahegebracht werden. Umso spannender war es für uns, dies zu erleben, um die chinesische Mentalität verstehen zu lernen.

 Chin 2018 Reise Tee

Am selben Nachmittag besuchten wir nach einem gemeinsamen chinesischen Mittagsessen in einem Meeresfrüchte-Lokal das Zuhause einer chinesischen Familie, die diverse Antiquitäten über die Kulturrevolution retten und uns somit zeigen konnten. Wir nahmen dabei auch an einer kleinen Teezeremonie teil und lernten, das Schriftzeichen Fú (Glück) unter Anleitung des Hausherrn selbst zu schreiben写汉字.

Nach einem noch besseren Einblick in diese fremde, aber sehr interessante neue Kultur gingen wir alle motiviert in unsere leider letzte Woche mit dem Wunsch, die verbleibende Zeit gut zu nutzen und viele weitere Eindrücke zu sammeln.

 

Woche 3: 02.04.-07.04.2018

Um ein bisschen von unserem schulischen Alltag abzuweichen, begann die letzte Woche in der Yinhai-Schule und ihrem wöchentlichen Fahnenappell. Noch einmal befremdete uns die ausgeprägte Rolle des Staates in der Schule. Die ganze Schulfamilie sang, während die Staatsflagge gehisst wurde, die Nationalhymne. Es wurden Gedichte aufgesagt und gemeinsam der Revolutionshelden gedacht. Nicht zu übersehen in der Menge hunderter, nach Jahrgangsstufen aufgestellter chinesischer Kinder 孩子war ein kleines, blondes Mädchen, das mitsang und aktiv am Leben der Chinesen teilnahm. Woher sie wohl kam, darüber kann man nur spekulieren. Abends wurden wir von unseren beiden Lehrerkräften, Frau Erdmann und Frau Ranke, zu einem besonderen Abendessen, einem „Hotpot“, ausgeführt. Viele von uns kannten diese leckere Art der chinesischen Tradition dank ihren chinesischen Deutsch-Studenten und freuten sich deshalb sehr auf diesen gemeinsamen Abend unserer Reisegruppe. Beim Essen wurde uns eine „Liveshow“ aufgeführt, in der einer der Köche Nudeln künstlerisch um sich herumschwingen ließ, was sehr beeindruckend war.

Glücklicherweise hatten wir viel Freizeit in dieser Woche und konnten die letzten Momente damit verbringen, zusammen mit unseren neuen chinesischen Freunden essen zu gehen, am Strand den Sonnenuntergang zu genießen oder einfach das Großstadtleben auszukosten.

 Chin 2018 Reise Fussi

 Am Mittwoch besichtigten wir die weltbekannte Tsingtao-Brauerei und durften das chinesische Bier gemeinsam kosten – der Unterschied zum deutschen Bier konnte natürlich nicht „erschmeckt“ werden. Nach unserem Abschlusstest am Donnerstag 星期四waren alle überhaupt noch nicht bereit, am Samstag 星期六wieder nach Hause zu fliegen. Die letzten Unterrichtsstunden am Freitag nutzen wir, um unsere neuen Lieblingslieder aus China zu hören und unsere Kreativität in Tanz-Choreografien zu zeigen. Was danach kam, wollte keiner wirklich wahr haben, denn es war Zeit, unsere Koffer zu packen. Mit chinesischen Zertifikaten in den Händen und einem satten Bauch nach dem Abschiedsessen zusammen mit den Chinesisch-Lehrern wurde es irgendwann leider Zeit, schlafen睡觉 zu gehen – denn fit mussten wir ja sein für den folgenden 20-stündigen 二十时 Reisetag. Nachdem jeder von uns am Abend deutscher Zeit wieder in seinem eigenen Bett einschlief und von dieser Reise träumte, fragte sich so mancher von uns beim Aufwachen am nächsten Tag, ob das große Abenteuer Qingdao nicht doch nur ein Traum gewesen war.

 Chin 2018 Reise Zeichen

 Sophia Bruni, Nikolai Djawadi

Lehrkräfte Chinesisch am MTG

Erdmann, Huixan
Erdmann, Huixan
Chinesisch
Kürzel:Erd
Fritz, Hannes
Fritz, Hannes
Deutsch / Sport/Chinesisch
Kürzel:Fri
Schülerzeitung